GreenTech BW TechTalk: Carbon Management in der Praxis
– CO₂ abscheiden, nutzen, transportieren, speichern
Lösungen für die Industrie von morgen im TechTalk
Der TechTalk präsentiert in vier Terminen á 1 Stunde beispielhafte technische Lösungen und Anbieter, die Unternehmen auf dem Weg in Richtung Klimaneutralität unterstützen. Im Anschluss an jeden Talk sind die Teilnehmenden dazu aufgerufen, gemeinsam zu diskutieren, Chancen und Herausforderungen zu eruieren und Fragen zu stellen. Dieses Mal im TechTalk: Carbon Management.
Die Veranstaltungsreihe „GreenTech BW: TechTalk für eine zukunftsfähige Wirtschaft“ rückt regelmäßig beispielhafte technische Lösungen und Anbieter aus dem GreenTech Bereich in den Fokus. Zuletzt widmete sich die Reihe dem Thema Carbon Management. In drei aufeinander aufbauenden Online-Sessions wurde die gesamte Wertschöpfungskette betrachtet: von der CO2-Abscheidung über die Nutzung bis hin zu Transport und Speicherung.
Carbon Management beschäftigt sich gezielt mit unvermeidbaren CO2-Emissionen, die in Branchen wie der Zement- und Kalkindustrie sowie der thermischen Abfallbehandlung anfallen. Durch Abscheidung, Aufbereitung und anschließende Nutzung (CCU) oder Speicherung (CCS) lassen sich diese Restemissionen behandeln.
Organisiert wird die Reihe unter anderem von Umwelttechnik BW, die mit der Geschäftsstelle Carbon Management Akteure vernetzt, Wissen bündelt und konkrete Fragestellungen bearbeitet.
CO2-Abscheidung: Anwendungen, Technologien und erste Praxiserfahrungen
Der erste TechTalk widmete sich der Frage, wie sich insbesondere kleinere und dezentrale CO₂-Ströme wirtschaftlich erschließen lassen. Neben der klassischen CO2-Abscheidung wurde auch das Potenzial von Pyrolyse und Pflanzenkohle als ergänzender Ansatz zur Kohlenstoffbindung beleuchtet.
Unvermeidbare Emissionen als Ausgangspunkt
Ein zentrales Beispiel ist die thermische Abfallbehandlung. Die hier entstehenden CO₂-Emissionen gelten als strukturell unvermeidbar. Gleichzeitig ist das Emissionsvolumen erheblich: Allein in Deutschland entstehen jährlich große Mengen CO₂ aus der Abfallverbrennung.
Technologischer Ansatz: Nachrüstung bestehender Anlagen
Im TechTalk wurden vor allem sogenannte Post-Combustion-Verfahren vorgestellt. Dabei wird CO2 nach der Verbrennung aus dem Rauchgas abgeschieden – ein entscheidender Vorteil für die Praxis: Bestehende Anlagen können nachgerüstet werden, ohne dass grundlegende Umbauten erforderlich sind.
Zu den wichtigsten Technologien zählen die Aminwäsche (seit Jahrzehnten etabliert) und das Kaliumcarbonat-Verfahren. Beide Verfahren basieren auf chemischer Absorption und gelten als zentrale Optionen für die industrielle Anwendung.
Ergänzender Ansatz: Pyrolyse und Pflanzenkohle
Neben der Abscheidung wurde mit der Pyrolyse ein weiterer Ansatz zur Nutzung von Kohlenstoff vorgestellt. Bei diesem thermochemischen Prozess werden organische Stoffe unter Sauerstoffausschluss umgewandelt. Dabei wird Energie erzeugt und es entsteht Pflanzenkohle mit der zusätzlich CO2-Zertifikate generiert werden können.
Der Ansatz ermöglicht eine energieautarke und klimafreundliche Nutzung, beispielsweise durch die Einbindung in klimapositive Nahwärmenetze. Gleichzeitig wird Kohlenstoff dauerhaft in der Pflanzenkohle gebunden. So entsteht ein Geschäftsmodell, das nicht nur zur Emissionsminderung beiträgt, sondern auch Preissicherheit und Unabhängigkeit von fossilen Rohstoffen unterstützt.
Praxisbeispiel Stuttgart-Münster: Die gesamte CCU-Kette im Test
Wie sich CO2-Abscheidung konkret umsetzen lässt, möchte ein geplantes Demonstrationsprojekt am Kraftwerksstandort Stuttgart-Münster zeigen. Ziel ist es, die gesamte Prozesskette unter realen Bedingungen zu erproben. Ein besonderer Fokus lag auf der dauerhaften Bindung von CO2: Durch die Karbonatisierung von Verbrennungsrückständen kann das abgeschiedene CO2 in Materialien eingebunden und beispielsweise als Versatzbaustoff in Bergwerken weiterverwendet werden. Damit wird CO2 langfristig gebunden und der Atmosphäre entzogen.
CO2 als Rohstoff: Stoffliche Nutzung in der Praxis
Der zweite TechTalk zeigte, wie CO2 nicht nur abgeschieden, sondern gezielt stofflich genutzt werden kann. Dabei standen neue Geschäftsmodelle und Technologien im Mittelpunkt, die CO2 aus Industrieemissionen in wertvolle Produkte umwandeln.
ICODOS: CO2 zu grünem Methanol
Das ClimateTech-Unternehmen ICODOS verfolgt einen innovativen Ansatz, der CO2-Abscheidung und Methanolsynthese in einem integrierten, modularen System kombiniert. Dadurch entsteht ein hochflexibler Prozess, der wenig Energie benötigt und direkt an CO2-Punktquellen vor Ort eingesetzt werden kann, z. B.:
- Biogas- oder Biomasse-Verbrennung
- Zellstoffproduktion
- Müllverbrennung
- Zementproduktion
Die Technologie ermöglicht so die Produktion von grünem Methanol aus erneuerbaren Energien und CO2. Eine erste Pilotanlage wurde 2025 bereits im Klärwerk Mannheim integriert: Das CO2 wurde aus dem dort entstehenden Biogas abgeschieden. Das zurückbleibende Methan geht zurück an das Klärwerk, während das CO2 in Methanol umgewandelt wird. Die Technologie kann dementsprechend einfach in kommunale Infrastrukturen eingebunden werden. Damit wird aus einem Emissionsstrom ein wirtschaftlich nutzbarer Rohstoff. Die Skalierung auf kommerzielle Produktionsanlagen ist bereits in Vorbereitung.
Mibelle Group: Lokaler Kohlenstoff für Konsumgüter
Die Mibelle Group verwendet CO2 gezielt in der Produktion von Reinigern, Verpackungen, Lebensmitteln und Kosmetika. Am Beispiel des Unternehmens zeigt sich deutlich, dass CO2-Recycling auch im Bereich geringer Margen wie dem Eigenmarkensegment ökonomisch sinnvoll ist.
Die Mibelle Gruop bezieht ihren Kohlenstoff aus Abgasen der Stahlindustrie, die neben CO2 auch CO und H2 enthalten und sich dementsprechend besonders gut für das biotechnologische CO2-Recycling eignen. Damit machen Sie sich unabhängig von globalen Lieferketten und ermöglichen eine stabile, nachhaltige Versorgung mit dem essenziellen Kohlenstoff, der angesichts der wachsenden Weltbevölkerung immer wichtiger wird, um weiterhin Konsumgüter zu produzieren. So entstehen beispielsweise PET Flaschen, die zu 30% aus CO2 bestehen und im Produktionsprozess fast keine CO2-Emissionen mehr erzeugen.
CO2-Transport, Infrastruktur und Speicherung: Logistik als Schlüssel
Der dritte TechTalk widmete sich der Frage, wie CO2 nach der Abscheidung sicher, effizient und wirtschaftlich transportiert werden kann. Dabei wurde deutlich: Transport und Infrastruktur sind zentrale Bausteine, um Carbon-Management-Lösungen von der Pilotphase in die kommerzielle Anwendung zu bringen.
Ein Schwerpunkt lag auf schienenbasierten Konzepten. DB Cargo sowie DB InfraGO zeigte, dass langfristig bis zu 13–18 Mio. t CO2 pro Jahr über die Schiene transportiert werden könnten – entsprechend etwa 18.700 Züge pro Jahr. Flexibel einsetzbare Flüssiggas-Container (20–25 t Zuladung) ermöglichen den Transport auch ohne Gleisanschluss, während Kesselwagen (ca. 60 t) maximale Mengen über Gleisnetze bewegen. Flüssig CO2 muss dabei bei -30 bis -33 °C und 12–15 bar transportiert werden, was hohe Sicherheitsstandards erfordert. Eine frühzeitige Abstimmung zwischen Quelle, Senke und Infrastruktur ist dementsprechend entscheidend, um Engpässe zu vermeiden.
Ergänzend zeigte Heidelberg Materials die chemisch-physikalischen Herausforderungen: CO2 aus Industrieabgasen enthält Begleitstoffe, die den Transport beeinflussen, und die Spezifikation der Flüssigkeit oder dichten Phase muss genau auf die Transportform (Bahn, Schiff, Pipeline) abgestimmt werden. Für die dauerhafte Speicherung in salinen Aquiferen oder basischen Gesteinen sind Porosität, Permeabilität und intakte Deckschichten entscheidend, damit das CO2 langfristig gebunden bleibt.
Der TechTalk machte deutlich: der Hochlauf von CCU/CCS hängt nicht nur von Abscheidung und Nutzung ab, sondern ebenso von einer durchdachten, sicheren und interdisziplinär abgestimmten Transport- und Speicherinfrastruktur.
Fazit
Die TechTalk Reihe verdeutlichte: Carbon Management funktioniert nur als gesamtheitlicher Ansatz. Abscheidung, Nutzung und Transport müssen Hand in Hand gehen. Die Praxisbeispiele von ICODOS und der Mibelle Group zeigen, dass CO₂ zunehmend wirtschaftlich nutzbar ist – als Rohstoff für Industrie und Konsumgüter. Gleichzeitig ist der Aufbau sicherer Transport- und Speicherinfrastrukturen entscheidend, um Technologien von der Pilotphase in die kommerzielle Anwendung zu bringen. Carbon Management wird so zu einem zentralen Baustein für die Defossilisierung und die nachhaltige Rohstoffversorgung der Zukunft.
Für ihre fachlichen Impulse und fundierten Einblicke im Rahmen des TechTalks gilt diesen Speaker:innen besonderer Dank:
Christian Wünsch | ICODOS GmbH
Susanne Heldmaier | Mibelle Group
Dr. Alexander Rieder | EnBW Energie Baden-Württemberg AG
Lisa Klöpfer | Fetzer Recycling/Moola
Pascal Steidel | Deutsche Bahn InfraGO AG
Andreas Schulze-Persch | Deutsche Bahn Cargo AG
Dr. Peter Boos | Heidelberg Materials AG